Alphabet hat im zweiten Quartal 2026 mit 44,9 Milliarden US-Dollar so viel investiert, dass aus 39,1 Milliarden Dollar operativem Cashflow ein negativer Free Cashflow von 5,9 Milliarden Dollar wurde. Die unmittelbare Börsenreaktion fiel entsprechend aus: Nach den Zahlen am 22. Juli geriet die Aktie unter Druck, obwohl Umsatz, Cloud-Wachstum und ausgewiesener Gewinn Rekorde signalisierten. Amazon und Microsoft bewiesen eine Woche später nicht, dass KI-Investitionen plötzlich ungefährlich sind. Sie lieferten dem Markt nur überzeugendere Belege dafür, dass die bereits gebaute Kapazität schneller verkauft wird. Die von xpert.digital zusammengetragenen Quartalszahlen treffen den Kern der neuen Bewertungsfrage: Wall Street misst den KI-Wettlauf nicht länger am bloßen Umsatzplus oder an einer beeindruckenden EPS-Zeile. Entscheidend ist, ob Rechenzentren, GPUs, Netzwerke und Stromanschlüsse zeitnah zu belastbaren Cloud-Umsätzen, Auslastung und Marge führen. Reuters, AP und die jeweiligen Unternehmensangaben bestätigen die Richtung der Zahlen – zugleich zeigen sie, warum die simple Erzählung „Alphabet verhebt sich, Amazon und Microsoft kassieren“ zu kurz greift.
Alle drei Konzerne erhöhen ihre Wette auf KI-Infrastruktur. Der Unterschied liegt im Zeitpunkt, in der Transparenz und in der Qualität der nachweisbaren Nachfrage.

Neon-lit data centers with Google, Amazon, and Microsoft logos amid contrasting market arrows.Alphabet bezahlt den Ausbau sofort mit Cash​

Alphabet meldete für das Juni-Quartal 119,8 Milliarden Dollar Umsatz, 24 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Google Cloud wuchs um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar; das ist kein Nebengeschäft mehr, sondern ein sehr großer, schnell wachsender Infrastrukturumsatz. Die operative Leistung war damit klar besser als die Kursreaktion vermuten lässt.
Der ausgewiesene Nettogewinn von 112,1 Milliarden Dollar taugt allerdings kaum als Maßstab für das laufende Geschäft. Darin steckte ein nicht operativer Buchgewinn von rund 98 Milliarden Dollar aus Beteiligungen. Reuters bezifferte den bereinigten Gewinn je Aktie auf 2,85 Dollar – leicht unter dem Konsens von 2,89 Dollar. Wer das GAAP-Ergebnis von 9,11 Dollar je Aktie neben die Investitionsrechnung stellt, vergleicht also einen außergewöhnlichen Bewertungseffekt mit sehr realen Auszahlungen für Hardware und Rechenzentren.
Genau hier lag das Problem: Alphabet hob seine Capex-Prognose für 2026 von 180 bis 190 Milliarden Dollar auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an. Das ist nicht nur eine höhere Obergrenze, sondern eine zusätzliche Ausgabenzusage von 15 Milliarden Dollar, nachdem der freie Cashflow bereits ins Minus gedreht war. Die negative Quartalszahl bedeutet nicht, dass Alphabet zahlungsunfähig oder operativ schwach wäre; über zwölf Monate blieb der freie Cashflow positiv. Sie dokumentiert aber, dass der Konzern erstmals nicht mehr behaupten kann, der KI-Ausbau finanziere sich kurzfristig vollständig aus dem laufenden Geschäft.
Alphabet hat zudem ein Kommunikationsproblem, das Amazon und Microsoft in dieser Berichtsrunde weniger stark hatten. Finanzchefin Anat Ashkenazi verwies auf Kapazitätsengpässe und schneller bereitgestellte Infrastruktur. Das erklärt den Ausbau, beantwortet aber nicht die Renditefrage: Wie viel der zusätzlichen Maschinen wird zu hohen Preisen an externe Kunden vermietet, wie viel wird intern für Search, YouTube, Gemini und eigene Modelle verbraucht – und in welchem Zeitraum?
Der Cloud-Auftragsbestand von 514 Milliarden Dollar ist ein gewichtiges Gegenargument gegen die These einer ungebremsten Überdehnung. Ein Backlog ist jedoch noch kein Umsatz und erst recht kein Cashflow. Er kann Kapazitäten über mehrere Jahre binden, er hängt von Vertragserfüllung ab und er sagt wenig darüber aus, welche Marge nach Strom, Abschreibungen und Hardware-Erneuerung bleibt. Alphabet besitzt sichtbar Nachfrage; der Markt verlangt jetzt den Beweis, dass diese Nachfrage die neue Kostenbasis trägt.

Amazon verkauft Kapazität – aber die 220 Milliarden sind kein reines AWS-Budget​

Amazon meldete am 30. Juli 200,6 Milliarden Dollar Quartalsumsatz, ein Plus von 20 Prozent. AWS steigerte seinen Umsatz um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar – die schnellste Wachstumsrate seit 18 Quartalen. Der operative AWS-Gewinn von 16,6 Milliarden Dollar und eine Marge nahe 39 Prozent lieferten die Kennzahl, auf die Anleger warteten: Die Cloud-Sparte wächst nicht nur, sie monetarisiert ihre Kapazität auf einem Niveau, das den Infrastrukturaufbau glaubhaft erscheinen lässt.
AP berichtete nach dem Ergebnis, dass Amazon seine Investitionsplanung für 2026 von etwa 200 Milliarden auf etwa 220 Milliarden Dollar erhöht. Die Aktie legte nachbörslich um mehr als neun Prozent zu. Doch die Aussage, Amazon werde für KI 220 Milliarden Dollar ausgeben, ist ungenau. Andy Jassy schloss ausdrücklich auch Robotik, Halbleiter und Satelliten in diese Zahl ein; als Anlass nannte er zudem höhere Speicherchippreise. Die Summe misst den Konzern-Ausbau, nicht ausschließlich die Kosten eines generativen KI-Programms.
Das ändert nichts daran, dass Amazon aggressiv investiert. Es verhindert aber einen falschen Vergleich mit Alphabet, dessen Capex-Diskussion fast vollständig entlang von Google-Rechenzentren und KI-Kapazität geführt wird. Bei Amazon fließen dieselben Investitionsdollar in AWS-Server, kundeneigene Trainium- und Graviton-Chips, das Fulfillment-Netz, Logistikautomatisierung und Project Kuiper. Diese Vermischung ist für Investoren unbequem, für IT-Kunden aber relevant: Amazon kann Investitionen über mehrere Geschäfte auslasten und die Infrastrukturkosten nicht allein mit Bedrock- oder GPU-Umsätzen rechtfertigen müssen.
Auch Amazon hat den Cash-Test keineswegs bestanden und abgehakt. Axios meldete für die zwölf Monate bis Ende Juni einen Free-Cashflow-Abfluss von 7,6 Milliarden Dollar, nach einem Zufluss von 18,2 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Der Markt akzeptierte den Abfluss, weil AWS im selben Quartal beschleunigte und Jassy erklärte, die bereits vorhandene Nachfrage reiche über 2026 hinaus. Das ist ein Vertrauensvotum, kein endgültiger Renditenachweis.
Amazons eigentliche Stärke in diesem Zyklus ist die Verknüpfung von Infrastruktur und Kundennachfrage. Das Unternehmen kann KI-Modelle über Amazon Bedrock vermarkten, eigene Chips verkaufen beziehungsweise vermieten und Großkunden zugleich mit allgemeiner AWS-Kapazität versorgen. Der Anthropic-Buchgewinn von 53,4 Milliarden Dollar, der den Nettogewinn auf 62,6 Milliarden Dollar aufblähte, sollte bei dieser Bewertung jedoch außen vor bleiben. Wie bei Alphabet ist der operative Cloud-Umsatz aussagekräftiger als der spektakuläre Konzerngewinn.

Microsoft liefert den saubersten Umsatzbeleg, aber keine billige KI-Rechnung​

Microsofts viertes Geschäftsquartal 2026 endete ebenfalls am 30. Juni. Der Konzern meldete 90 Milliarden Dollar Umsatz, 18 Prozent mehr als im Vorjahr, und 35,8 Milliarden Dollar Nettogewinn. Microsoft Cloud setzte 59,3 Milliarden Dollar um; Azure und andere Cloud-Dienste wuchsen um 43 Prozent. Azure überschritt im Gesamtgeschäftsjahr erstmals 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz, während Microsoft 365 Copilot laut Satya Nadella mehr als 30 Millionen bezahlte Plätze erreichte.
Das sind die Zahlen, die Microsoft vom bloßen Infrastrukturfinanzierer abheben. Azure bringt die Auslastung der Rechenzentren, Copilot liefert einen sichtbaren Weg zur Monetarisierung in Microsoft 365, Security, GitHub und Geschäftsanwendungen. Für Windows- und Microsoft-365-Verantwortliche ist das mehr als eine Börsenstory: Der Konzern hat einen starken Anreiz, KI-Funktionen tiefer in bestehende Lizenz- und Cloud-Verträge zu ziehen, statt auf separat verkaufte Chatbots zu setzen.
Microsoft gab im Quartal rund 41 Milliarden Dollar für Investitionen aus, 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Behauptung, Microsoft investiere nun nur noch 175 Milliarden Dollar und sei damit deutlich zurückhaltender als Alphabet oder Amazon, verlangt aber eine Fußnote. Finanzchefin Amy Hood erklärte, die Prognose werde durch eine Bilanzierungsänderung näher an 175 Milliarden Dollar ausgewiesen; praktisch bleibe die Investitionserwartung unverändert. Zuvor hatte Microsoft für das Kalenderjahr 2026 rund 190 Milliarden Dollar genannt, einschließlich etwa 25 Milliarden Dollar Mehrkosten durch Komponentenpreise.
Der Rückgang von 190 auf 175 Milliarden Dollar ist deshalb keine reale Sparmaßnahme. Es ist vor allem eine Änderung der Darstellung von Leasing- und Rechenzentrumsaufwendungen. Wer daraus einen abrupt vorsichtigeren Microsoft-Kurs ableitet, liest die Buchhaltung als Betriebsstrategie.
Hinzu kommt, dass etwa zwei Drittel der Microsoft-Capex laut Axios auf kurzlebige Vermögenswerte wie CPUs und GPUs entfallen. Diese Maschinen sind nicht mit einem Bürogebäude gleichzusetzen. Sie müssen vergleichsweise schnell ersetzt werden, sobald neue Beschleuniger effizienter werden oder Kunden neue Anforderungen stellen. Microsoft hat die Renditefrage derzeit besser beantwortet als Alphabet, aber das Kapital wird dadurch nicht langlebiger.

Der Auftragsbestand ist ein Signal, keine Versicherung​

Microsofts kommerzielle Remaining Performance Obligations stiegen um 84 Prozent auf 678 Milliarden Dollar. Das verschafft Sichtbarkeit, doch die Kennzahl braucht Einordnung. Schon im vorangegangenen Quartal hatte Microsoft offengelegt, dass das Wachstum ohne OpenAI deutlich niedriger ausfiel; Reuters berichtete im Januar, dass ungefähr 45 Prozent des damaligen kommerziellen RPO von OpenAI stammten. Microsoft hat für den neuen Stand von 678 Milliarden Dollar keine entsprechend detaillierte Aufteilung veröffentlicht.
Damit bleibt offen, wie breit die neue Nachfrage wirklich verteilt ist. Die 30 Millionen Copilot-Sitze sind ein sinnvoller Beleg für zahlreiche zahlende Unternehmenskunden. Der riesige Auftragsbestand enthält aber auch Verpflichtungen eines einzelnen KI-Anbieters, dessen Infrastrukturbedarf und Finanzierung eng mit Microsofts eigener Strategie verbunden sind. Das macht den Backlog nicht wertlos; es macht ihn ungeeignet als alleinigen Beweis dafür, dass die gesamte Nachfrage bereits breit im Unternehmensmarkt angekommen ist.
Alphabet hat ein ähnliches Transparenzdefizit bei der Margenqualität seines Cloud-Backlogs. Amazon veröffentlicht mit AWS zwar die deutlichste operative Sparte, weist aber seine 220-Milliarden-Investition konzernweit aus. Der gemeinsame Nenner lautet: Die Unternehmen veröffentlichen genug Zahlen, um wachsende Nachfrage zu belegen, aber nicht genug, um Anlegern eine vollständige Rechnung über Kapazitätsauslastung, Hardware-Lebensdauer, Stromkosten und KI-spezifische Rendite vorzulegen.

Wer sich tatsächlich überhebt, ist noch nicht entschieden​

Alphabet ist nach dieser Berichtssaison der Konzern mit dem sichtbarsten kurzfristigen Finanzierungsdruck: Rekord-Capex, erstmals negativer freier Cashflow und eine nochmals angehobene Jahresprognose. Amazon hat den stärksten Beschleunigungsbeweis bei Cloud-Umsatz und AWS-Marge geliefert, obwohl auch dort der freie Cashflow gedreht hat. Microsoft erhielt den größten Vertrauensvorschuss, weil Azure beschleunigte, Copilot zahlende Nutzer vorweist und die Investitionsprognose nicht nach oben revidiert wurde.
Keiner der drei hat den KI-Ausbau bereits durchgerechnet. Microsoft hat ihn am besten verkauft, Amazon hat ihn am sichtbarsten in AWS-Erträgen verankert, und Alphabet trägt im Moment den höchsten Beweislastdruck. Für IT-Entscheider folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Die großen Cloud-Anbieter werden Kapazität, proprietäre Chips und KI-Dienste weiter massiv ausbauen – aber die Frage nach Preis, Vertragsbindung und langfristiger Verfügbarkeit von GPU- und Modellkapazität wird in den nächsten Quartalen stärker verhandelt werden als die Frage, ob diese Unternehmen überhaupt investieren können.

References​

  1. Primary source: Xpert.Digital - Konrad Wolfenstein
    Published: 2026-08-02T10:40:06+00:00
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